»Neustart in Weiß«: Das Programm IQuaMed des mibeg-Instituts Medizin

Von Barbara Rosenthal

Dieser Artikel wurde im Kontext der Veranstaltung »Zwischen Kommen und Bleiben. Medizinische Versorgung als Grundpfeiler der Integration von Geflüchteten« der Akademie für medizinische Fortbildung der Ärztekammer Westfalen-Lippe erstellt und erschien vorab im Newsletter des Medizinischen Instituts für transkulturelle Kompetenz. Der Aufsatz ist hier auch als pdf abrufbar.

Für Menschen, die aus dem Ausland zu uns kommen, ist ein zentraler Schritt zur Integration die Erlangung ihrer beruflichen Anerkennung und die Möglichkeit, den gelernten Beruf auszuüben.

Mit der Verabschiedung des »Gesetzes zur Verbesserung der Feststellung und Anerkennung erworbener Berufsqualifikationen«1 wurde in Deutschland bereits 2012 ein neuer Meilenstein für Anerkennungssuchende erreicht. Auf dieser Grundlage folgte 2013 das »Anerkennungsgesetz« für das Land Nordrhein-Westfalen.2

Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim einem Informationsseminar Wege zur AnerkennungUm Anerkennungssuchende rasch und zielgerichtet zu beraten, wurden entsprechend kompetente Beratungsstellen eingerichtet.3,4 Interessent/innen können sich hier informieren, wie und wo ihre berufliche Anerkennung zu beantragen ist, welche besonderen Auflagen es zu beachten gilt und welche zusätzlichen Qualifikationen ggf. nachgewiesen oder erlangt werden müssen, um die Voraussetzungen zur Anerkennung ihres Studiums oder ihres erlernten Berufs zu erreichen. Unterstützt durch Mittel des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales und durch Mittel des Europäischen Sozialfonds, wurden zusätzlich Qualifizierungen in der Förderperiode 2015–2018 ermöglicht.5 Die auf Landesebene organisierten IQ Netzwerke (IQ = Integration durch Qualifizierung) ermöglichen in rund 400 Teilprojekten berufliche Beratung und Qualifizierung sowie Expertenunterstützung. Sie erreichen durch das »Förderprogramm IQ« Anerkennungssuchende über alle beruflichen Branchen hinweg. Zentraler erster Anlaufpunkt für Informationen ist das Portal «www.anerkennung-in-deutschland.de«.

Über das „Förderprogramm IQ“ wurde das mibeg-Institut Medizin im Kontext des Anerkennungsverfahrens beauftragt, spezielle Qualifizierungskonzepte zur Vorbereitung auf die berufliche Anerkennung von Angehörigen reglementierter Gesundheitsberufe in Nordrhein-Westfalen zu entwickeln.6 Unter dem Projekttitel „IQuaMed“ konzipiert und realisiert das mibeg-Institut Medizin seit 2015 als Teilprojekt des IQ Netzwerks NRW zahlreiche Qualifizierungen für Anerkennungssuchende in allen Regionen Nordrhein-Westfalens.7

Reglementierte Gesundheitsberufe stehen unter staatlicher Aufsicht, da in der gesundheitlichen Versorgung besondere berufliche Anforderungen und Sorgfaltspflichten bestehen. Der Anteil der Anerkennungssuchenden dieser Berufsgruppen an Qualifizierungen zur Vorbereitung auf die berufliche Anerkennung ist besonders hoch: 42,1% bzw. 1906 Teilnehmende im Jahr 2016.8 Von diesen bundesweit 1906 Teilnehmenden wurden durch das Projekt IQuaMed 250 Teilnehmende im Jahr 2016 qualifiziert, das entspricht einem Anteil von 13,1%.

Das Projekt IQuaMed erreicht mit seinem Programm Angehörige aller reglementierten Gesundheitsberufe, darunter Ärzt/innen, Zahnärzt/innen und Apotheker/innen, die vor einer Berufsausübung in Deutschland zum einen bei ihrer zuständigen Berufskammer eine Fachsprachprüfung ablegen müssen. Zum anderen können darüber hinaus sog. Eignungs- oder Kenntnisprüfungen verpflichtend werden, die durch die jeweils zuständigen Landesprüfungsämter organisiert und durch beauftragte medizinische Fakultäten der Universitätsklinika abgenommen werden.

Ohne eine gezielte kollegiale und fachlich fundierte Vorbereitung sind diese Prüfungen nur schwer zu bestehen. Sie zielen auf fachsprachliches und fachliches Wissen und setzen gute allgemeinsprachliche Deutschkenntnisse voraus. Auf diese Prüfungen bereiten Kurse vor, die in ganz NRW Interessenten erreichen und in größtenteils vierwöchigen, teilweise sechsmonatigen Qualifizierungen Ärzt/innen, Zahnärzt/innen und Apotheker/innen auf ihre Anerkennung vorbereiten.

Darüber hinaus wurden auch für Gesundheits- und Krankenpflegefachkräfte, Physio- und Ergotherapeut/innen, Diätassistent/innen, Medizinisch-technische Radiologieassistent/innen sowie weitere Gesundheitsfachkräfte vielfältige Angebote etabliert. Sie ermöglichen den jeweiligen Teilnehmern in sog. individuellen Anpassungslehrgängen oder Seminaren die qualifizierende Vorbereitung auf eine Berufstätigkeit in NRW.

Die curricularen Voraussetzungen sind durch den sog. Anerkennungsbescheid der Bezirksregierung für »nichtakademische Heilberufe« geregelt. Je nach beruflichen Abschlüssen und Erfahrungen werden darin inhaltlich wie zeitlich die noch notwendigen Qualifizierungsabschnitte aufgelistet, die theoretisch oder praktisch noch vor einer Anerkennung von den Antragstellenden zu absolvieren sind.

Das mibeg-Institut Medizin hat mit dem Start des Programms IQuaMed umfassende Marktanalysen für die einzelnen Gesundheitsfachbereiche durchgeführt, um entsprechende Qualifizierungskurse in ganz NRW etablieren zu können. Dabei konnte sich das Institut zugleich auf ein Expertennetzwerk und auf die jahrlange pädagogische Erfahrung mit diesen Zielgruppen beziehen.

Zunächst wurden Fachsprachkurse in Medizin, Zahnmedizin und Pharmazie mit Kooperationspartnern in ganz NRW realisiert und zudem Kurse zur Vorbereitung auf die Kenntnisprüfungen eingerichtet. Über das »Förderprogramm IQ« konnten neue Zielgruppen von Anerkennungssuchenden erreicht werden, die bislang nicht öffentlich gefördert werden konnten, einer solchen Unterstützung aber bedürfen. Beispielsweise startete in Zusammenarbeit mit Apothekenverbünden für Apotheker/innen ein praxisnahes Projekt, in dem die Teilnehmer bei ihren zukünftigen Arbeitgebern als Hospitant/innen praktische Erfahrungen sammelten, begleitet durch eine zielgerichtete theoretische Unterweisung in Seminarform.

Für den Bereich Pflege entwarf das mibeg-Institut Medizin zwei Konzepte und stellte sie dem Gesundheitsministerium NRW vor.9 Das sechsmonatige Praxisseminar Pflege bereitet die Gesundheits- und Krankenpfleger/innen mit Theorie- und Praxisabschnitten in einer anerkannten Pflegeschule auf die Kenntnisprüfung vor. Die Seminare starten in mehreren NRW-Regionen. Zudem wurde ein berufsbegleitendes Konzept in modularisierter Form entwickelt, das Gesundheits- und Krankenpfleger/innen unterstützt, die bereits im Bereich der Pflegehilfe arbeiten. Durch zielgerichtete Ansprache gelang es zudem, eine Reihe von Kliniken und Pflegeschulen dafür zu gewinnen, individuelle Anpassungslehrgänge durchzuführen, trotz erheblicher organisatorischer und personalintensiver Anforderungen.

Ein Ausbildungsprogramm für aus dem Ausland kommende Physiotherapeut/innen startet derzeit und ergänzt die bereits in mehreren Regionen etablierten individuellen Anpassungslehrgänge für diese Berufsgruppe. Nach einem dreimonatigen Theorieteil ermöglichen anschließende passgenaue und begleitete Praktika den Teilnehmer/innen die Erfüllung der jeweils noch abzuleistenden praktischen Auflagen ihres Anerkennungsbescheides. Dieses Konzept wurde wie weitere Konzepte für die »nichtakademischen Heilberufe« intensiv mit der zuständigen Bezirksregierung und dem Landesprüfungsamt beraten.

Adäquate Konzepte für Ergotherapeut/innen, Hebammen und Entbindungspfleger, MTRAs und MTLAs sind in Vorbereitung.

Den augenfälligen Bedarf an solchen erfolgreichen Qualifizierungen spiegeln die Monitoringzahlen: Seit Start des Projektes IQuaMed hat das mibeg-Institut Medizin in NRW von Januar 2015 bis Oktober 2017 bereits 1771 Interessenten erreicht.10

Das durch das Institut eigens für Erstinteressenten entwickelte Informationsseminar »Wege zur Anerkennung« findet regelmäßig in Köln und zahlreichen anderen Städten in NRW statt. Bisher wurden 1337 Teilnehmer erreicht.11 Es informiert umfassend zu Fragen allgemeiner und individueller beruflicher Anerkennung der Gesundheitsfachberufe und zeigt Fördermöglichkeiten auf, z.B. den Anerkennungszuschuss,12 mit dem finanzielle Unterstützung bei Antragstellung, Ausfertigung von Übersetzungen, Beglaubigungen etc. gewährt werden kann. Eine persönliche Beratung durch als Anerkennungsberaterinnen ausgebildete Mitarbeiterinnen des Projekts IQuaMed im mibeg-Institut Medizin ergänzt das Angebot.

Zusätzlich erfährt jedes Informationsseminar auch externe Unterstützung durch Experten der vielen Anerkennungsberatungsstellen des Landes NRW.

Seit Projektstart konnten 553 Gesundheitsfachkräfte in NRW zielgerichtet qualifiziert werden.13 Jedes Projekt wird fortlaufend evaluiert, zum einen im Hinblick auf die Prozessqualität der Fortbildung, zum anderen auf die Ergebnisqualität des Qualifizierungsziels, d.h. der angestrebten Anerkennung. Nach den aus den Evaluierungsrückläufen vorliegenden Daten ist die Quote der bestandenen Anpassungsprüfungen und -leistungen konstant sehr hoch und liegt bei durchschnittlich 75 %.

Diesen Erfolg führen wir auf drei Faktoren zurück: zum ersten auf das Engagement und die Zielstrebigkeit unserer Teilnehmenden.

Zum zweiten auf die Einbindung fachkollegialer Expertise auf Seiten der Dozent/innen. Da zwischen Lehrenden und Lernenden auf Augenhöhe kommuniziert und neben fachlichem Input systematisch das Vertrauen in die berufliche Integration der Teilnehmer gestärkt wird, ergibt sich ein Klima allgemeiner gesellschaftlicher Anerkennung.

Zum dritten sind die Seminare bewusst international, d.h. nicht herkunftsspezifisch zusammengesetzt. Zum jetzigen Zeitpunkt erreichen wir Teilnehmende aus 72 Ländern, sodass mit der Fokussierung auf fachliches Wissen und fachsprachliche Anforderungen an die Heilberufe in Deutschland die nationale Herkunft in den Hintergrund tritt. „Hier war ich zum ersten Mal seit langer Zeit nur Mensch und Arzt, nicht Flüchtling, nicht Ausländer, nicht Fremder“, brachte es ein Absolvent auf den Punkt.

So vermitteln wir erfolgreich Identifikationschancen (»wir Ärzte«, »wir Physiotherapeuten«, »wir Krankenpfleger«), und die Dozenten entfalten ihren Lehrgegenstand grundsätzlich in einem Kontext, in dem nicht die Herkunft, sondern die zukünftige Berufstätigkeit in Deutschland von Belang ist.

weltrekord_34Solche Prozesse werden durch die Mitwirkung an interkulturellen Aktionen noch befördert. Wir luden beispielsweise Teilnehmende ein, sich mit Unterstützung des mibeg-Instituts Medizin beim internationalen Reanimationsmarathon der Uniklinik Köln zu engagieren. Es galt, mehr als 32 Nationen zu beteiligen. Ein Weltrekord wurde aufgestellt. Insgesamt konnten 144 Teilnehmer aus 74 Nationen gewonnen werden.14 Die Internationalität des Ereignisses und die Professionalität der Durchführung der Reanimationssimulation bedeutete für sie eine große Ermutigung, die sie auch besonders gern weitergaben: „Wir kommen aus allen Teilen dieser Erde, aber es ist wichtig, was wir beruflich tun und was wir miteinander können.“ Noch heute, ein Jahr später, beziehen sich zahlreiche Interessenten, die beim mibeg-Institut Medizin nach Qualifizierungen fragen, auf dieses Ereignis.

Abschließend soll hier der erfolgreiche Weg zur ärztlichen Approbation, die durch das Projekt IQuaMed unterstützt wurde, an einem insgesamt einjährigen Verlaufsweg nach Ankunft in Deutschland nachgezeichnet werden:

Eine Ärztin hatte bereits in ihrem Herkunftsland Peru intensiv die deutsche Sprache gelernt und bei der Approbationsbehörde den Antrag auf berufliche Anerkennung gestellt. Nach ihrer Ankunft in Deutschland vertiefte sie ihre Sprachstudien bis zum GER-Level C1. Danach bewarb sich beim mibeg-Institut Medizin um eine Teilnahme am Praxisseminar Humanmedizin.

Im ersten Kursabschnitt bereitete sich die Ärztin auf die Fachsprachprüfung bei der Ärztekammer Nordrhein vor und legte diese noch während der Laufzeit des Seminars mit Erfolg ab. Im zweiten Kursabschnitt absolvierte sie eine durch das mibeg-Institut Medizin vorbereitete dreimonatige Hospitation an einer Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe, die sie mit einer Stellenzusage beendete, sofern sie die noch ausstehende Kenntnisprüfung bestehen würde. Darauf bereitete sie sich nun im dritten Kursabschnitt des Praxisseminars ganz gezielt vor.

Sie vertiefte nicht nur ihre medizinischen Kenntnisse, insbesondere in den Bereichen Innere Medizin, Chirurgie, Pharmakologie, Radiologie und Strahlenschutz, sondern machte sich auch mit den wichtigsten rechtlichen Grundlagen der ärztlichen Berufsausübung sowie den Anforderungen der ärztlichen Dokumentation vertraut. Zudem trainierte sie weiterhin die Gesprächsführung mit Patienten und die Arzt-Arzt-Kommunikation. Unmittelbar nach Seminarende bestand sie die Kenntnisprüfung und erhielt ihre Approbation. Inzwischen befindet sie sich in der Weiterbildung zur Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in der Klinik, in der sie bereits erfolgreich hospitiert hatte. Gern fungierte sie bereits als Mentorin, als wir in einem Folgeseminar eine weitere Hospitantin an diese Klinik vermittelten.

Weitere ausführliche Auskunft mit zahlreichen Hinweisen zur beruflichen Anerkennung von Gesundheitsfachkräften geben wir im Informationsblog www.anerkennung-nrw.de. Die einzelnen Qualifizierungsseminare des Projekts IQuaMed werden detailliert auf der Website des mibeg-Instituts Medizin unter www.mibeg.de vorgestellt.

Barbara Rosenthal ist Erziehungswissenschaftlerin und leitet das mibeg-Institut Medizin.

1 http://www.gesetze-im-internet.de/bqfg/
2 https://recht.nrw.de/lmi/owa/br_vbl_detail_text?anw_nr=6&vd_id=13881
3 https://www.anerkennung-in-deutschland.de/tools/berater/de
4 https://www.weiterbildungsberatung.nrw
5 http://www.netzwerk-iq.de/foerderprogramm-iq/programmuebersicht.html
6 http://www.iq-netzwerk-nrw.de/
7 https://www.mibeg.de/medizin/iquamed–integration-durch-qualifizierung-und-anerkennung-in-medizinischen-arbeitsfeldern
8 Monitoringbericht für das Förderprogramm IQ für das Jahr 2016 „Qualifizierungsmaßnahmen im Kontext des Anerkennungsgesetzes“, Hrsg. IQ Fachstelle „Beratung und Qualifizierung“, Forschungsinstitut Betriebliche Bildung, Nürnberg 2017
9 https://www.anerkennung-nrw.de/neues-pflegeausbildungskonzept-des-mibeg-instituts-medizin-startet-in-nrw/
10 Stand 20. Oktober 2017
11 Stand 20. Oktober 2017
12 https://www.anerkennung-in-deutschland.de/html/de/anerkennungszuschuss.php
13 Stand 20. Oktober 2017
14 https://www.uk-koeln.de/uniklinik-koeln/aktuelles/detailansicht/uniklinik-koeln-stellt-weltrekord-in-wiederbelebung-auf/