Uns erreichen zahlreiche Anfragen, ob unsere Seminare tatsächlich im Institut oder in Kliniken stattfinden, ob man mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern zusammen in einem Seminarraum lernt und ob die Dozentinnen und Dozenten für jedes einzelne Fachgebiet tatsächlich den Unterricht vor Ort halten. Ja, selbstverständlich!
Die Interessenten berichten uns, teilweise sehr erzürnt und erbost, dass sie negative Erfahrungen gemacht hätten bei Bildungsanbietern, die ihnen »Präsenzunterricht« versprochen hätten, aber de facto rein virtuellen Unterricht, also E-Learning, Blended Learning, Homeoffice etc. durchführen würden. Und dies bis zu zehn Stunden pro Tag über viele Seminarmonate, finanziert über öffentliche Förderung.
Ganz grundsätzlich gilt: EDV-unterstützte Seminararbeit ist sinnvoll und hilfreich, es gibt hervorragende digitale Kommunikationsformen, E-Learning, videounterstütztes Lernen und Webinare. Um eine gute virtuelle Lernform anzubieten, ist ein entsprechender Aufwand notwendig, damit etwa für anderthalb Stunden eine gute Lehr-/Lernsituation geschaffen wird. Allein über YouTube sind zahlreiche gute Beispiele verfügbar.
Offenbar, das zeigt uns die Kritik, geht es hier nicht um solche aufwendigen und guten Lernformen, sondern es geht vielmehr darum, dass der Teilnehmer acht oder zehn Stunden am Tag von zu Hause oder in einem EDV-Raum beim Bildungsanbieter einem virtuell zugeschalteten Dozenten zuhören soll, der in eine Webkamera spricht und dass er über diese Lernform vorher nicht genügend aufgeklärt worden ist.
Teilweise hören mehr als hundert Teilnehmer dann diesem Dozenten zu und können sich per Chat an ihn wenden, eine Frageform, die der Situation in einem Hörsaal entspricht. Das heißt, mehr als hundert Teilnehmer hören dem Dialog zwischen dem Vortragenden und dem Fragenden zu. Die klassische Lernform im Hörsaal aber ist die Vorlesung, und klassischerweise ist sie auf anderthalb Stunden begrenzt. Universitäre Bildung bedeutet immer, dass verschiedene Lehr- und Lernformen miteinander in Einklang gebracht werden: Vorlesungen, Seminare, Oberseminare, Tutorien, Eigenstudium. Bei der hier kritisierten Unterrichtsweise geht es dagegen um eine monotone Lernform, die den Teilnehmer ausschließlich an den PC bindet, ein gut miteinander vernetztes, personales Lernen findet nicht statt.
Diese Lernform eignet sich also nur gut für Teilnehmer, die über viele Monate jeden Tag von 8 bis 16 oder 18 Uhr an einem Bildschirm sitzen möchten, um einem Dozenten zuzuhören oder Fragen zu beantworten oder aber sich Skripte herunterzuladen, um diese zu Hause durchzuarbeiten, während der PC die Lernzeit erfasst. Da öffentliche Gelder nur für nachgewiesene Unterrichtsstunden bezahlt werden, müssen diese Teilnehmer permanent elektronisch beweisen, dass sie noch am E-Learning teilnehmen.
Es gilt also für die Interessenten zu entscheiden, ob diese Lernform die tatsächlich gewünschte ist. Offenbar reagieren die Arbeitsagenturen und Jobcenter jetzt auf die vielfach vorgetragene Kritik. Uns liegen Bildungsgutscheine vor, die zum ersten Mal ausdrücklich festlegen: »Homeoffice ist ausgeschlossen.«
Ein Interessent teilte uns mit: »Ich habe gar nichts gegen E-Learning, ich arbeite ausgesprochen gern und viel am Computer. Aber diese Art von Lernen finde ich nutzlos und anstrengend. Ich kann nicht zehn Stunden am Tag am Bildschirm sitzen und lernen.«
Der Hype um das E-Learning geht mittlerweile schon wieder zurück. Bildungsprofis wissen noch um Sprachlabore, Telekollegs, Harvard-Online-Vorlesungen, MOOC. Die Abbrecherquoten, so das Handelsblatt, liegen bei 90 Prozent. Auch die Bundesagentur für Arbeit wird entsprechende Zahlen erheben. Beim Einsatz öffentlicher Mittel, zum Beispiel über Bildungsgutscheine, ist besondere Sorgfalt geboten.
