Anerkennung: Evidenzbasierte Medizin

12 von 17 Ärztekammern in Deutschland lehnen umstrittene Zusatzbezeichnung ab

Es bleibt zurzeit nur die Hoffnung »auf ein Nachziehen der letzten übriggebliebenen Landesärztekammern« schreibt Natalie Grams-Nobmann im Wissenschaftsportal spektrum.de. Eine gelungene Formulierung. Denn es ist sicher unverständlich, dass im Oktober 2021 immer noch konstatiert werden muss, dass noch nicht alle Landesärztekammern die  »Zusatzbezeichnung Homöopathie« aus ihren Weiterbildungsordnungen gestrichen haben.

Dies trifft leider auch auf Nordrhein-Westfalen zu. Die Ärztekammer Nordrhein führt diese Zusatzbezeichnung nicht. Allerdings muss man im Oktober 2021 nicht mehr die Argumente aufführen, die für ein konsequentes Streichen dieser Zusatzbezeichnung sprechen, die von einer Berufsgruppe geführt werden würde, deren Voraussetzung zur Berufsübung ist, erfolgreich ein wissenschaftliches Studium der Medizin abgeschlossen zu haben.

Erfreulich ist, dass es in Münster eine Gruppe gibt, die sich um die Wissenschaftlichkeit in Medizin und Ethik verdient macht. Initiatorin Prof. Dr. Bettina Schöne-Seifert beschreibt den Münsteraner Kreis wie folgt: „Wir wollten ausloten, wie ein solidarisches Gesundheitswesen verantwortlich und fair mit dem Clash zwischen gefährlicher Pseudowissenschaft und Selbstbestimmung umgehen sollte. Um es deutlich zu sagen: Wir wollten den gegenwärtigen Irrsinn nicht länger hinnehmen.« Dabei ist das vom Münsteraner Kreis erstellte Sprachposter sehr hilfreich.

Münsteraner Kreis

© Münsteraner Kreis

Wir brauchen eine gescheite Impfpolitik: Dazu gehören gute und leicht erreichbare Impfangebote

1. Aug.
@erik_fluegge
Ärmere Menschen sind nicht immer dümmer als ihr, sie entscheiden nur anders.

Das müssen sie auch. Denn zum Beispiel heißt ihre erste Frage nicht, wie viel Kalorien haben Fritten, sondern: Was kosten die? 2/9

Die Kostenfrage erhöht massiv den Lebensaufwand. Man muss Angebote durchsehen, in mehrere Supermärkte fahren und viel in der Familie diskutieren, wer was haben darf – sehr viel. 3/9

Noch dazu muss man den Gewinn durch ein Angebot mit Wegkosten verrechnen. »Da verfahren wir 1,50€ Sprit!« bzw. brauchen Bustickets.
Ja, das wird ernsthaft genau so besprochen! 4/9

Armut verbraucht Zeit und Energie und bringt häufig weitere Probleme mit sich: zum Beispiel unpraktische Arbeitszeiten, Gesundheitsprobleme etc. 5/9

Deshalb ist alles, was mehrere Probleme in einem Moment auf einmal löst, eine bestmögliche Option. 6/9

Man will sich impfen lassen, muss aber auch eigentlich mit hohem Zeitaufwand günstig einkaufen und zum Impfen muss man Bustickets kaufen. So geht die Kalkulation nicht auf. Die #Bratwurst-Idee ändert das. 7/9

Hier heißt die Rechnung: Bratwurst = gespartes Mittagessen + was Besonders für die Kinder + endlich auch geimpft = Hingehen.
Würde auch mit Fritten und kostenfreier Hüpfburg funktionieren. Muss nicht Wurst sein. 8/9

Bitte seid nicht so schnell mit einem Urteil über Menschen bei der Hand, die ihr nicht versteht.
Liebe Grüße von einem aus einer Familie, die phasenweise jeden Euro 3x umdrehen musste. 9/9

Tweets von Erik Flügge
@erik_fluegge

Während die Gesundheitspolitik über die Unabhängigkeit der Ständigen Impfkommission STIKO streitet und die Impfung von Kindern und Jugendlichen forciert, benötigt die besonders wichtige Erhöhung der Impfquote bei der großen Altersgruppe der 18- bis 59-Jährigen gut erreichbare Impfangebote. Beeindruckend in diesem Zusammenhang sind die Tweets von Erik Flügge.

»Wir müssen aufhören die Menschen planwirtschaftlich zum Impfstoff zu bringen, sondern wir müssen den Impfstoff zu den Menschen bringen«, betont auch der Arzt und Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen. Es geht um gut erreichbare Angebote und die konsequente Fortsetzung der Impfkampagne. In einer solchen Diskussion sollte die STIKO nicht in ihrer Unabhängigkeit beschädigt und Wissenschaftsfeindlichkeit und Irrationalität nicht Tür und Tor geöffnet werden.

Ärztekammer Berlin geht gegen Corona-Leugner vor

Laut einer aktuellen Meldung von tagesschau.de könnten mehrere Ärzte in Berlin von der Justiz belangt werden. Wie der Sprecher der Ärztekammer Berlin Ole Eggert bestätigte, leite die Berliner Ärztekammer Fälle von Patientengefährdung an die Staatsanwaltschaft weiter.

rbb hatte zuvor darüber berichtet. Der Präsident der Ärztekammer Berlin, Dr. med. Günther Jonitz, hatte im rbb-Interview gesagt, dass seit März 2020 in 130 Fällen Ärzte mit fragwürdigen oder sogar falschen Behauptungen zum Thema Corona aufgefallen seien. Knapp 20 Ärzte bzw. Arztpraxen seien an das Gesundheitsamt gemeldet worden.

Jonitz betonte, dass bei mehr als 34.000 Ärztinnen und Ärzten in Berlin die Anzahl an Corona-Leugnern zwar verschwindend gering sei, aber die Entwicklung sei dennoch »erschreckend und beschämend«.

Günther Jonitz gehört zu den Wegbereitern der evidenzbasierten Medizin in Deutschland und war federführend für das Symposium Evidenzbasierter Medizin 1998 engagiert, dass das mibeg-Institut in Zusammenarbeit mit der Bundesärztekammer und der Ärztekammer Berlin durchführte. Das Symposium gilt als Auftakt zur bundesweiten Etablierung der evidenzbasierten Medizin.

Ärztekammerchef Rudolf Henke appelliert an alle, sich an die Infektionsschutzmaßnahmen zu halten

Der Präsident der Ärztekammer Nordrhein, Rudolf Henke, sagte am Donnerstag, 22. Oktober 2020 in Düsseldorf: »Deutschland ist auch deswegen bisher so gut durch die Coronakrise gekommen, weil sich die überwältigende Mehrheit der Menschen in unserem Land an die Empfehlungen der zuständigen Institutionen, insbesondere des Robert Koch-Instituts, hält. Für die Wirksamkeit der fünf wichtigsten Regeln gibt es überzeugende Belege: Abstand halten, Hygieneregeln beachten, in jedem Gedränge Alltagsmasken tragen, regelmäßig lüften und die Corona-Warn-App nutzen. Wer sich daran hält, schützt sich selbst und andere, vor allem Menschen, die aufgrund von Alter und Vorerkrankung besonders gefährdet sind. Ich danke allen Ärztinnen und Ärzten, die tagtäglich für die Akzeptanz dieser Maßnahmen werben«.

Gegenüber dem WDR betonte Rudolf Henke: »Maskenauflagen haben eine evidenzbasierte Grundlage, egal, was manche in Talkshows behaupten

Ärztekammerchef Hans-Albert Gehle betont: Alltagsmasken schützen und helfen

Vor dem Hintergrund der wieder stark ansteigenden Corona-Infektionszahlen in Nordrhein-Westfalen und insbesondere auch in Ballungsräumen wie dem Ruhrgebiet fordert der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Dr. Hans-Albert Gehle, die Bevölkerung auf, die allgemeinen Schutzmaßnahmen uneingeschränkt zu befolgen. »Wir alle können durch unser Verhalten dazu beitragen, dass die zweite Corona-Welle baldmöglichst wieder gestoppt wird.« Dazu gehöre neben Abstandhalten und Hygienemaßnahmen wie Händewaschen auch das Tragen von Mund-Nasenschutz-Masken. »Auch die Alltagsmasken helfen und schützen«, so Gehle.

Für Gehle ist die wissenschaftliche Evidenz für das Tragen von Alltagsmasken gegeben. Die systematische Analyse von über 200 Studien in der Fachzeitschrift »The Lancet« belege auch für einfache Masken einen Nutzen für den Träger und seine Umgebung, auch wenn FFP2-Masken effektiver seien. Bei der Frage nach der Wirksamkeit der verschiedenen Maskentypen müsse auch bedacht werden, wo sie verwendet werden. »Beim Umgang mit infektiösen Covid-Patienten in Kliniken und Praxen ist eine FFP2-Maske erforderlich. Im Alltag senken aber auch einfache Masken ein Übertragungsrisiko für alle Infektionskrankheiten. In Deutschland haben wir gerade in den Ballungszentren wie im Ruhrgebiet aktuell stark ansteigende Infektionszahlen. Das Tragen von Masken im Alltag hilft dabei, die Ausbreitung von Covid einzudämmen.«

Das Gesundheitssystem hingegen könne eine Versorgung der gesamten Bevölkerung mit FFP2-Atemschutzmasken gar nicht leisten, so Gehle. »Es sind einfach zu wenige davon vorhanden. Vorrangig gilt es, damit Risikogruppen wie ältere und kranke Menschen sowie medizinisches Personal, das sich um die Patientenversorgung kümmern muss, zu versorgen.« Es dürfe letztendlich nicht zu »Hamsterkäufen bei FFP2-Masken« kommen, weil man den Alltagsmasken die Wirksamkeit abspreche. Ein alleiniges Allheilmittel könne es nicht geben, vielmehr müsse man einen Mix aus Disziplin beim Einhalten der Abstands- und Hygieneregeln und flankierendem Schutz von Risikopatienten erreichen.