Anerkennung: Intensivstationen in der Corona-Pandemie

Impftropfen auf den heißen Stein: Viel zu wenig Impfdosen für Kölner Hochhaussiedlungen

In den Kölner Hochhaussiedlungen sind die Infektionszahlen hoch. Mobile Teams wurden eingesetzt, um zu impfen. In Stadtteilen wie Chorweiler und Meschenich betrug die Wocheninzidenz aktuell fast 700 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Am Montag startete  daher ein besonderes Projekt: Die Corona-Schutzimpfung kam zu den Bürgern in diesen Stadtvierteln, die Bürger mussten nicht ins Impfzentrum, wo sie vermutlich ohnehin kein Impfangebot bekommen hätten. Das Land wollte dafür 1.000 zusätzliche Impfdosen für die erste Woche zur Verfügung stellen.

Das Impfangebot wurde sehr gut angenommen, und es wurde ein bundesweites Medienspektakel um diese Aktion herum entfacht. Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker betonte, um die Bürger in diesen Stadtvierteln zu erreichen, seien muttersprachliche Unterstützung, Aufklärungsarbeit sowie die Zusammenarbeit mit Hausärzten und »Sozialraumkoordinatoren« notwendig.

Aber das Impfangebot ist völlig unzureichend.

Laut WDR sagte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann, die Stadt Köln solle erst einmal Erfahrungen sammeln. Der Impfstoff sei begrenzt und viele geschwächte Menschen in den Priorisierungsgruppen warteten noch auf ihre Impfung. Oberbürgermeisterin Reker intervenierte und versuchte vergeblich, vom Land NRW weitere Impfdosen zur Verfügung gestellt zu bekommen. Zwar wurden in wenigen Tagen einige hundert Dosen verimpft, doch allein im Stadtbezirk Chorweiler leben mehr als 82.000 Menschen.

Gegenüber dem WDR betonte der Klinikdirektor der Kölner Uniklinik Prof. Dr. Michael Hallek, wie wichtig diese Impfaktion zur Eindämmung des lokalen Infektionsgeschehens ist: »Ich kann ungefähr sagen, aus welchen Stadtteilen die Menschen kommen und aus welchen Situationen.  Und da sind wir als Gesellschaft schon auch gehalten, uns drum zu kümmern, und wenn Impfen hilft, dort die Infektionsketten zu durchbrechen, und das glaube ich, dann ist das eine sehr sinnvolle Maßnahme.«

Prof. Dr. Michael Hallek über vorgezogene Impfungen für Menschen in Stadtteilen mit hoher Corona-Inzidenz

 

»Die Maßnahmen sind richtig, kommen aber deutlich zu spät«, so Marburger Bund-Chefin Dr. Susanne Johna

Dr. med. Susanne Johna, 1. Vorsitzende des Marburger Bundes Bundesverband; © Marburger Bund

Dr. med. Susanne Johna, 1. Vorsitzende des Marburger Bundes Bundesverband; © Marburger Bund

Die beschlossene Neufassung des Infektionsschutzgesetzes greift aus Sicht des Marburger Bunds zu kurz im Kampf gegen die dritte Welle der Corona-Pandemie. »Die Maßnahmen sind richtig, kommen aber deutlich zu spät und gehen in einzelnen Punkten nicht weit genug. Die Infektionsdynamik hätte schon früher gebrochen werden können«, so Dr. med. Susanne Johna, Vorsitzende des Marburger Bunds.

Die Politik habe viel Zeit verstreichen lassen, obwohl es aus der Intensivmedizin deutliche Hilferufe gegeben habe. Jetzt sei das Personal in vielen Krankenhäusern wieder extrem belastet, und Kliniken kämen an Kapazitätsgrenzen – nicht nur bei Covid-19-Patient:innen.

»Überprivilegierte Empathielosigkeit«

Unter dem Hashtag #allesdichtmachen haben sich 50 prominente und finanziell vergleichsweise gut abgesicherte TV-Schauspieler:innen in sarkastischen Youtube-Clips gegen die aktuellen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie ausgesprochen. Die durchweg ironisch und zynisch formulierten Beiträge, die etablierte Propagandamechanismen und Lügen von Coronaleugnern aufnehmen, sind unmittelbar nach Veröffentlichung auf erhebliche Kritik gestoßen.

Krautreporter schrieb in einem Newsletter: »Wie dumm plump das alles inhaltlich formuliert ist, wie dreist es ist, sich im schick ausgeleuchteten Altbau in süffisantem Ton abfilmen zu lassen, wie ungeschickt der Zeitraum gewählt ist, angesichts einer wirklich guten Chance, dass im Mai die Impfungen einen guten Schritt weiterkommen und die Fallzahlen sinken. Ohne zu würdigen, welche gigantische (Zusatz-)Leistung Menschen in der Pflege seit einem Jahr erbringen, oder welche gravierenden Einschränkungen Hunderttausende gesundheitlich Bedrohte hinnehmen. Ohne anzuerkennen, dass drei Millionen Deutsche bestätigt infiziert waren, Hunderttausende ehemalige Erkrankte wochenlang mit den Folgen des Virus haderten und dass bisher in Deutschland 80.000 Menschen im Zusammenhang mit Corona gestorben sind – während 5.000 Menschen auf den Intensivstationen liegen, von den Horrorbildern aus Indien ganz zu schweigen.«

Jan Böhmermann twitterte, das einzige Video, das man sich ansehen solle, »wenn man Probleme mit Corona-Eindämmungsmaßnahmen hat«, sei die mehrteilige ARD-Produktion, die den Alltag auf der Intensivstation der Berliner Charité in der dritten Corona-Welle dokumentiert. Eine Ärztin twitterte: »Ich sitz im Nachtdienst auf der ITS und scrolle durch Twitter. Diese überpriviligierte Empathielosigkeit, die unter dem Tarnmantel der Satire zu verbergen versucht, dass es hier um ein Höchstmaß an Menschenverachtung, nicht vorhandener Solidarität und mangelndem Respekt vor den Toten geht.«

Die Aktion, deren Initiator frühzeitig die Pandemie verharmloste, leistet radikalen, wissenschaftsleugnenden und antidemokratischen Tendenzen Vorschub und dürfte, auch wenn große Teile der eigenen Branche unverzüglich auf Distanz gingen, auch Kunst und Kultur, für die sie doch zu kämpfen vorgibt, großen Schaden zufügen. Und was wäre, wenn Pflege und Intensivmedizin mal #allesdichtmachen und #niewiederaufmachen würden? Dümmer kann Aktionismus kaum ausfallen.

BR Fernsehen: Notstand auf den Intensivstationen

BR Fernsehen: Notstand auf den Intensivstationen

Das BR Fernsehen berichtet über die aktuelle Situation auf den Intensivstationen während der dritten Welle der Corona-Pandemie; © BR Fernsehen