Anerkennung: Michael Hallek
Schutz ist weiterhin angebracht: #YesToNoCovid
Politiker und Verbandsfunktionäre gefallen sich zurzeit darin, das »Ende der epidemischen Lage« zu fordern, selbst für eine Forderung nach einem »Freedom Day« ist man sich nicht zu schade. Ignoriert werden bei solchen, oft einseitig aus ökonomischen Interessen motivierten Forderungen die tatsächlichen Gegebenheiten der vierten Welle, die längst begonnen hat. Ein Freiheitstag mag angebracht sein, wenn eine demokratische Bewegung sich gegen diktatorische Zwänge durchsetzt, aber bei notwendigen und wissenschaftlich begründeten Schutzmaßnahmen gegen eine Viruserkrankung globalen Ausmaßes scheint eine derart populistische und auf mediale Effekte gerichtete Forderung geradezu absurd.
Eine Fortsetzung der epidemischen Lage kann nur ein Parlament beschließen, und die Entschließung zu weiteren Schutzmaßnahmen, die Rechte von Bürgerinnen und Bürgern betreffen, darf nur nach sorgfältigster Abwägung der gesundheitlichen Lage geschehen und unter genauer Prüfung der rechtlichen Voraussetzungen.
Derzeit steigt die 7-Tage-Inzidenz wieder auf über 100, und die Inzidenz steigt vor allem bei Kindern. Die Zahl der Covid-19-Toten liegt seit Wochen bei 400 pro Woche. Intensivmediziner wie die Professoren Christian Karagiannidis und Uwe Janssens weisen auf zunehmende Schwierigkeiten bei der Versorgung von Patient:innen hin, da zu wenig entsprechend ausgebildetes Pflegepersonal zur Verfügung steht.
Professor Michael Hallek von der Uniklinik Köln, einer der Initiatoren der #YesToNoCovid-Kampagne, erklärte gegenüber dem RND, es sei nicht an der Zeit, »den großen Freiheitstag auszurufen. Welche Freiheit soll hier überhaupt gemeint sein? Die Freiheit, anzustecken und angesteckt zu werden? Wir können doch ansonsten allen Tätigkeiten wieder weitgehend normal nachgehen.« Der simple Ruf nach Freiheit sei schräg, »nicht, weil man der Gesundheit alles unterzuordnen hat. Sondern weil es so einfach wäre, Leben zu schützen.«
Prof. Hallek fordert die konsequente Einhaltung der 2G-Regeln, die Fortsetzung der Impfkampagne und die Maskenpflicht in öffentlichen Räumen wie etwa in Bussen und Bahnen. »Die Impfung wirkt, aber das Immunsystem vieler Menschen mit Krebs oder rheumatischen Krankheiten funktioniert nicht immer zuverlässig. Diese Menschen müssen wir unbedingt weiter schützen«, so Hallek gegenüber dem RND.
Auch aus Sicht der Gesundheitsämter kommt eine identische Forderung. Dr. Ute Teichert, Sprecherin der Amtsärzt:innen Deutschlands, kritisierte die Forderung nach dem Ende der epidemischen Lage scharf. »Das Signal, das davon ausgesendet wird, ist, dass die Pandemie vorbei ist. Aber wir sehen gerade, dass die Zahlen wieder ansteigen.«
Bei allen Schutzmaßnahmen ist auch auf die Lage der chronisch von Covid-19 betroffenen Patient:innen zu berücksichtigen. Professor Karl Lauterbach weist aktuell auf eine Studie der Universität Lübeck hin. »Diese wichtige Arbeit zu Covid von der Uni Lübeck bestätigt die Hypothese, dass SARS-CoV-2 im Gehirn die kleinen Blutgefäße zerstört. Das kann viele neurologische Covid Befunde erklären«, so Lauterbach, bis hin zum möglicherweise späteren erhöhten Demenzrisiko.
Wir haben in der Pandemie so vieles zusammen durchgestanden und so viel Hilfe durch Medizin und Pflege, durch Wissenschaft und Öffentliche Gesundheitsvorsorge erfahren. Jetzt gilt es, die vierte Welle mit Zuversicht, Vorsicht und Sachlichkeit anzugehen. Das mibeg-Institut wird dabei Bildungsforen anbieten und bei allen Veranstaltungen größtmöglichen Schutz.
Und es gibt beim Zusammenhalt und Engagement so viele Positiv-Beispiele.

Prof. Rüdiger Horstmann (Herz-Jesu-Krankenhaus), Prof. Peter Feindt (Clemenshospital), Wolfgang Heuer (Krisenstabsleiter), Prof. Hugo Van Aken (UKM), Oberbürgermeister Markus Lewe, Dr. Peter Kalvari (EVK), Prof. Jörn Steinbeck (Raphaelsklinik) und Prof. Christoph Bremer (St. Franziskus-Hospital Münster) danken den Bürger:innen Münsters und insbesondere den Krankenhausmitarbeitenden in der Stadt für deren große Leistung in Pandemie-Zeiten. Foto © Alexianer / Michael Bührke
An einer ganz besonderen Aktion beteiligte sich Prof. Dr. Peter Feindt, Ärztlicher Direktor des Clemenshospitals in Münster und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Programms IQuaMed. Gemeinsam mit fünf weiteren ärztlichen Leitern der Münsteraner Kliniken und dem Oberbürgermeister der Stadt Münster bedankte er sich bei allen Pfleger:innen und Ärzt:innen, die unermüdlich Einsatz gezeigt hätten. Es verdiene Respekt und Anerkennung, so die Ärztlichen Direktoren, was bislang bei der Hilfe für Covid-19 Erkrankte geleistet worden sei. Ein großes Lob aus diesem Kreis geht zugleich an alle Bürgerinnen und Bürger der Stadt Münster: 93 Prozent der Bürger:innen über 18 Jahre sind bereits geimpft!
Impftropfen auf den heißen Stein: Viel zu wenig Impfdosen für Kölner Hochhaussiedlungen
In den Kölner Hochhaussiedlungen sind die Infektionszahlen hoch. Mobile Teams wurden eingesetzt, um zu impfen. In Stadtteilen wie Chorweiler und Meschenich betrug die Wocheninzidenz aktuell fast 700 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Am Montag startete daher ein besonderes Projekt: Die Corona-Schutzimpfung kam zu den Bürgern in diesen Stadtvierteln, die Bürger mussten nicht ins Impfzentrum, wo sie vermutlich ohnehin kein Impfangebot bekommen hätten. Das Land wollte dafür 1.000 zusätzliche Impfdosen für die erste Woche zur Verfügung stellen.
Das Impfangebot wurde sehr gut angenommen, und es wurde ein bundesweites Medienspektakel um diese Aktion herum entfacht. Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker betonte, um die Bürger in diesen Stadtvierteln zu erreichen, seien muttersprachliche Unterstützung, Aufklärungsarbeit sowie die Zusammenarbeit mit Hausärzten und »Sozialraumkoordinatoren« notwendig.
Aber das Impfangebot ist völlig unzureichend.
Laut WDR sagte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann, die Stadt Köln solle erst einmal Erfahrungen sammeln. Der Impfstoff sei begrenzt und viele geschwächte Menschen in den Priorisierungsgruppen warteten noch auf ihre Impfung. Oberbürgermeisterin Reker intervenierte und versuchte vergeblich, vom Land NRW weitere Impfdosen zur Verfügung gestellt zu bekommen. Zwar wurden in wenigen Tagen einige hundert Dosen verimpft, doch allein im Stadtbezirk Chorweiler leben mehr als 82.000 Menschen.
Gegenüber dem WDR betonte der Klinikdirektor der Kölner Uniklinik Prof. Dr. Michael Hallek, wie wichtig diese Impfaktion zur Eindämmung des lokalen Infektionsgeschehens ist: »Ich kann ungefähr sagen, aus welchen Stadtteilen die Menschen kommen und aus welchen Situationen. Und da sind wir als Gesellschaft schon auch gehalten, uns drum zu kümmern, und wenn Impfen hilft, dort die Infektionsketten zu durchbrechen, und das glaube ich, dann ist das eine sehr sinnvolle Maßnahme.«
Quarks-WDR-Plakat: Darum werden die Intensivstationen demnächst noch voller

Quarks-WDR-Plakat: Darum werden die Intensivstationen demnächst noch voller; © Quarks / WDR
Auf Grundlage der Daten des RKI und des DIVI-Intensivregisters veranschaulicht die Wissenschaftsredaktion Quarks des WDR, wie die Kapazitäten der intensivmedizinischen Versorgung in Deutschland beansprucht werden. Medizin und Pflege haben frühzeitig vor dieser Situation gewarnt.


