Anerkennung: #YesToNoCovid

»Die Maßnahmen sind richtig, kommen aber deutlich zu spät«, so Marburger Bund-Chefin Dr. Susanne Johna

Dr. med. Susanne Johna, 1. Vorsitzende des Marburger Bundes Bundesverband; © Marburger Bund

Dr. med. Susanne Johna, 1. Vorsitzende des Marburger Bundes Bundesverband; © Marburger Bund

Die beschlossene Neufassung des Infektionsschutzgesetzes greift aus Sicht des Marburger Bunds zu kurz im Kampf gegen die dritte Welle der Corona-Pandemie. »Die Maßnahmen sind richtig, kommen aber deutlich zu spät und gehen in einzelnen Punkten nicht weit genug. Die Infektionsdynamik hätte schon früher gebrochen werden können«, so Dr. med. Susanne Johna, Vorsitzende des Marburger Bunds.

Die Politik habe viel Zeit verstreichen lassen, obwohl es aus der Intensivmedizin deutliche Hilferufe gegeben habe. Jetzt sei das Personal in vielen Krankenhäusern wieder extrem belastet, und Kliniken kämen an Kapazitätsgrenzen – nicht nur bei Covid-19-Patient:innen.

»Überprivilegierte Empathielosigkeit«

Unter dem Hashtag #allesdichtmachen haben sich 50 prominente und finanziell vergleichsweise gut abgesicherte TV-Schauspieler:innen in sarkastischen Youtube-Clips gegen die aktuellen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie ausgesprochen. Die durchweg ironisch und zynisch formulierten Beiträge, die etablierte Propagandamechanismen und Lügen von Coronaleugnern aufnehmen, sind unmittelbar nach Veröffentlichung auf erhebliche Kritik gestoßen.

Krautreporter schrieb in einem Newsletter: »Wie dumm plump das alles inhaltlich formuliert ist, wie dreist es ist, sich im schick ausgeleuchteten Altbau in süffisantem Ton abfilmen zu lassen, wie ungeschickt der Zeitraum gewählt ist, angesichts einer wirklich guten Chance, dass im Mai die Impfungen einen guten Schritt weiterkommen und die Fallzahlen sinken. Ohne zu würdigen, welche gigantische (Zusatz-)Leistung Menschen in der Pflege seit einem Jahr erbringen, oder welche gravierenden Einschränkungen Hunderttausende gesundheitlich Bedrohte hinnehmen. Ohne anzuerkennen, dass drei Millionen Deutsche bestätigt infiziert waren, Hunderttausende ehemalige Erkrankte wochenlang mit den Folgen des Virus haderten und dass bisher in Deutschland 80.000 Menschen im Zusammenhang mit Corona gestorben sind – während 5.000 Menschen auf den Intensivstationen liegen, von den Horrorbildern aus Indien ganz zu schweigen.«

Jan Böhmermann twitterte, das einzige Video, das man sich ansehen solle, »wenn man Probleme mit Corona-Eindämmungsmaßnahmen hat«, sei die mehrteilige ARD-Produktion, die den Alltag auf der Intensivstation der Berliner Charité in der dritten Corona-Welle dokumentiert. Eine Ärztin twitterte: »Ich sitz im Nachtdienst auf der ITS und scrolle durch Twitter. Diese überpriviligierte Empathielosigkeit, die unter dem Tarnmantel der Satire zu verbergen versucht, dass es hier um ein Höchstmaß an Menschenverachtung, nicht vorhandener Solidarität und mangelndem Respekt vor den Toten geht.«

Die Aktion, deren Initiator frühzeitig die Pandemie verharmloste, leistet radikalen, wissenschaftsleugnenden und antidemokratischen Tendenzen Vorschub und dürfte, auch wenn große Teile der eigenen Branche unverzüglich auf Distanz gingen, auch Kunst und Kultur, für die sie doch zu kämpfen vorgibt, großen Schaden zufügen. Und was wäre, wenn Pflege und Intensivmedizin mal #allesdichtmachen und #niewiederaufmachen würden? Dümmer kann Aktionismus kaum ausfallen.

BR Fernsehen: Notstand auf den Intensivstationen

BR Fernsehen: Notstand auf den Intensivstationen

Das BR Fernsehen berichtet über die aktuelle Situation auf den Intensivstationen während der dritten Welle der Corona-Pandemie; © BR Fernsehen

 

Quarks-WDR-Plakat: Darum werden die Intensivstationen demnächst noch voller

Quarks-WDR-Plakat: Darum werden die Intensivstationen demnächst noch voller

Quarks-WDR-Plakat: Darum werden die Intensivstationen demnächst noch voller; © Quarks / WDR

Auf Grundlage der Daten des RKI und des DIVI-Intensivregisters veranschaulicht die Wissenschaftsredaktion Quarks des WDR, wie die Kapazitäten der intensivmedizinischen Versorgung in Deutschland beansprucht werden. Medizin und Pflege haben frühzeitig vor dieser Situation gewarnt.

Pflegebeauftragter fordert einheitlichen Lockdown

Der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Staatssekretär Andreas Westerfellhaus, fordert einen einheitlichen und sofortigen Lockdown angesichts der sich zuspitzenden Pandemielage. »Jeder Tag, der ohne Entscheidung vergeht, kostet Menschenleben und bringt das Personal auf den Intensivstationen näher an den Rand ihrer Kräfte«, sagte Westerfellhaus gegenüber Journalist:innen. »Wir brauchen jetzt so schnell wie möglich einen einheitlichen Lockdown, um endlich die Virusverbreitung einzudämmen.«

Die Lage auf den Intensivstationen sei bereits dramatisch, die Warnrufe von Ärztinnen und Ärzten sowie von Pflegefachkräften müssten sofort Gehör finden. Westerfellhaus betonte, jetzt »sei es nicht mehr angebracht, über mögliche Lockerungen oder Verschärfungen der Maßnahmen hin- und herzudiskutieren. Wir haben nicht mehr die Zeit, das Geschehen zu beobachten.«

Damit bezieht der Pflegebeauftragte auch eindeutig Stellung gegen Verlautbarungen von »Experten«, die zeitgleich zu mehr »Entspanntheit« aufrufen und sich über ausgelastete Krankenhäuser »wundern«. Ein für seine Äußerungen vielfach durch Wissenschaftler:innen kritisierter Virologe, der in NRW zum »Expertenrat Corona« der Staatskanzlei gezählt wird, hatte aktuell Derartiges in einem Podcast geäußert. In der Kritik an einem verschärften Lockdown führte er aus, »Familien in beengten Wohnverhältnissen hätten weniger Möglichkeiten, sich aus dem Weg zu gehen.« So könnten »im Freien sichere Bereiche geschaffen werden, anstatt dass Menschen noch weiter zusammengebracht« würden.

Der Virologe brachte zudem »coronakonforme Treffmöglichkeiten ins Spiel, wie beispielsweise in belüfteten Turnhallen. Sicherheitskräfte könnten vor Ort die Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln kontrollieren.« Abstruser kann kaum argumentiert werden, nicht nur virologisch problematisch, sondern offenbar auch gelöst aus jedem rechtlichen und geschichtlichen Kontext.

Hier bleibt zu hoffen, dass sich NRW angesichts der steigenden Infektionszahlen und der sich dramatisch zuspitzenden Lage der intensivmedizinischen Versorgung einem bundesweit einheitlichen Lockdown anschließt, Regelungen zur Eindämmung des Infektionsgeschehens bei steigenden Inzidenzwerten klar umsetzt und dabei nicht vergisst, Experten auszutauschen, die offensichtlich keine sind.

Update: Die Corona-Pandemie führt auch in Frankreich zu einer katastrophalen Belastungssituation der Intensivmedizin. Diese Situation als „relativ entspannt“ zu bezeichnen, wirkt geradezu zynisch:

www.arte.tv/de/videos/103237-000-A/frankreich-eine-intensivstation-am-limit/
zeitung.faz.net/faz/politik/2021-03-30/d4bdeb87d35070db356d354abf5680dd/